Die österreichische Rinderhaltung – geprägt von klein- und mittelständischen Familienbetrieben auf Grünland, das rund 50 % der landwirtschaftlichen Fläche des Landes ausmacht – steht vor ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Klimawandel, Marktveränderungen und steigende Erwartungen an Tierwohl und Nachhaltigkeit machen eine Transformation notwendig.
Das Projekt ENSURE entwickelt, bewertet und erprobt Strategien für eine nachhaltige, widerstandsfähige und ressourceneffiziente Rinderhaltung in Österreich. Ziel ist es, die negativen ökologischen Auswirkungen der Rinderproduktion zu verringern und gleichzeitig die positiven Auswirkungen zu fördern, die Resilienz von Betrieben und Tieren zu stärken, die Ernährungssicherheit zu gewährleisten, sowie die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit des Einzelbetriebes und des Sektors zu fördern. Dabei werden konkrete Anwendungen für die Optimierung der Zucht, Hilfestellungen für das Tiergesundheitsmanagement und die Fütterung erarbeitet sowie den Zielen entsprechende Betriebsstrategien eruiert.
ENSURE verfolgt einen transdisziplinären und ganzheitlichen Ansatz, der verschiedene Stellschrauben – wie Zucht, Fütterung, Tiergesundheit und -wohl, sowie Ökosystemdienstleistungen mit Fokus Almwirtschaft und Tourismus – integriert, optimiert und in ihrem Zusammenspiel betrachtet. Dabei werden Trade-offs analysiert und ganzheitliche Lösungsansätze entwickelt, die ökologische, ökonomische und soziale Dimensionen gleichermaßen berücksichtigen. ENSURE zeichnet eine enge Zusammenarbeit von ausgezeichneten WissenschaftlerInnen und VertreterInnen der Wirtschaftspartner aus.
Die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse werden in Form von wissenschaftlich fundierten Empfehlungen, Policy Briefs sowie praxisnahen Lösungen und Anwendungen aufbereitet. Sie richten sich an Landwirt:innen, den Agrarsektor, Politik und Wirtschaft und dienen als Blaupause für eine nachhaltige Transformation der Rinderhaltung in Österreich.
Projektstruktur
ENSURE hat das übergeordnete Ziel, Strategien und Lösungen für eine nachhaltige und ressourceneffiziente Rinderhaltung zu entwickeln und umzusetzen.
Um dieses Ziele zu erreichen, wird ein transdisziplinäres Konsortium aus Wissenschaftler:innen und unterschiedlichen Interessensgruppen von 48 Organisationen entlang der Wertschöpfungsketten Rindfleisch und Milch ein F&E-Programm durchführen.
Die acht eng miteinander verknüpften Projekte von ENSURE gliedern sich in zwei Themenfelder:
Area 1: Szenarien & Strategien
In Area 1 werden Zukunftsszenarien und Strategien für eine nachhaltige Rinderhaltung entwickelt. Mithilfe partizipativer Ansätze werden die Auswirkungen von Klimawandel, Marktanforderungen und gesellschaftlichen Erwartungen auf die Rindfleisch- und Milchwirtschaft modelliert. Hier werden Szenarien und Ergebnisse aus den Projekten in Area 1 und Area 2 zusammengeführt und der Fokus auf die ganzheitliche Betrachtung gerichtet. Verschiedene Strategien und Weiterentwicklungsmöglichkeiten in der Rinderwirtschaft werden entwickelt wie auch konkrete Lösungen und Anwendungen z.B. in der Zucht. Regionale Unterschiede und standortangepasste Anforderungen werden mitberücksichtigt.
Durch die Zusammenarbeit wesentlicher Stakeholder mit der Wissenschaft und die Nutzung vielfältiger Datenquellen entstehen faktenbasierte, robuste Strategien, die Resilienz, Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz stärken. Ergänzt werden diese durch Leitlinien, Policy Briefs und zukunftsorientierte Lösungen für verschiedene Standorte und Rahmenbedingungen sowie für die Rinderhaltung in alpinen Regionen.
Dieses Projekt untersucht, wie verschiedene Betriebsstrategien und Rahmenbedingungen die ökologische, ökonomische und soziale Leistungsfähigkeit der österreichischen Milch- und Rindfleischproduktion beeinflussen. Dabei werden sowohl Nährstoff- und Energieflüsse, Tierwohl, Umweltwirkungen, der Grad der Kreislaufwirtschaft als auch die Wertschöpfungsnetzwerke inklusive Verarbeitung mit Import und Export in Simulationen einbezogen.
Für spezifische Betriebstypen- und Standorte werden im Rahmen von Casestudies die Auswirkungen auf den Einzelbetrieb analysiert und Lösungen gemeinsam mit der Praxis entwickelt.
Ziel ist es, die Widerstandsfähigkeit der Produktionssysteme gegenüber Störungen – etwa in Lieferketten oder Märkten – zu bewerten und Abhängigkeiten sowie Optimierungspotenziale entlang der Wertschöpfungskette aufzuzeigen.
Die Ergebnisse liefern ein faktenbasiertes Verständnis der Auswirkungen möglicher Transformationspfade auf Wirtschaftlichkeit, Umwelt und Tierwohl vom Tier, über den Betrieb bis zum Sektor. Auf dieser Basis entstehen Empfehlungen und Policy Briefs für Politik, Beratung und Wirtschaft, um realistische Wege in Richtung einer nachhaltigen, zirkulären und wirtschaftlichen Rinderhaltung aufzuzeigen.
Das Projekt ALPTOUR untersucht anhand von zwei Tourismusregionen in Tirol, wie sich die Nutzung alpiner Weideflächen in den kommenden Jahrzehnten aufgrund von Klima- und Strukturveränderungen verändern wird – und welche Folgen das für Rinderwirtschaft, Lebensmittelproduktion, Tourismus, Landschaftserhalt und Ökosystemleistungen hat.
Ziel ist es, klimatische, produktionstechnische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Einflussfaktoren auf die Almwirtschaft zu analysieren und Strategien für eine resiliente und nachhaltige Bewirtschaftung zu entwickeln. Dabei werden auch die Wechselwirkungen zwischen Landwirtschaft und Tourismus betrachtet, um Chancen für eine stärkere Zusammenarbeit und Wertschöpfung in den Regionen zu identifizieren.
Die Ergebnisse liefern wissenschaftlich fundierte Grundlagen und Zukunftsszenarien für eine nachhaltige Almwirtschaft, fördern Innovation und Kooperation zwischen Rinderwirtschaft und Tourismus und unterstützen Betriebe bei einer klimaresilienten Bewirtschaftung. Empfehlungen und Policy Briefs sollen die Vermarktung regionaler Milch- und Fleischprodukte aus der Alpwirtschaft stärken.
Das Projekt entwickelt neue Phänotypen und Zuchtstrategien aufbauend auf den neuen technologischen Möglichkeiten, um die Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit der Rinderzucht zu stärken. Ziel ist es, Zuchtziele und -programme an veränderte ökologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingungen anzupassen und die Potenziale moderner Technologien optimal zu nutzen.
Durch die Integration von neuen Merkmalen – etwa Stoffwechsel, Klauengesundheit, Methanemissionen, Futtereffizienz und Reproduktion – in Zuchtziele werden genetische Fortschritte gezielter auf Umwelt- und Tierwohlaspekte ausgerichtet. Innovative Datenerfassungs- und Analysemethoden, insbesondere aus Precision Livestock Farming (PLF) und genomischen Methoden, ermöglichen eine präzisere Bewertung von Zuchtwerten und Zuchtstrategien.
Das Projekt liefert wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zur Optimierung von Leistungsprüfung, Zuchtziel und Zuchtprogrammen und zeigt, wie nachhaltige Zuchtentscheidungen Treibhausgasemissionen reduzieren, die Tiergesundheit verbessern und die Wirtschaftlichkeit langfristig sichern können.
Area 2: Optimierungslösungen
Area 2 konzentriert sich auf die Entwicklung innovativer, praxisnaher Lösungen zur Optimierung der Rinderhaltung. Der Fokus liegt auf Verbesserungen in Tier- und Umweltgesundheit, Tierwohl, Fütterung und Betriebsmanagement – mit Effizienzsteigerungen auf Tier- und Betriebsebene. Die Ergebnisse aus Area 2 werden in Area 1 verwendet, um das Gesamtsystem mit dem Ziel zu optimieren, den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren und zugleich ökonomischen sowie gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen.
Das Projekt 4 zielt darauf ab, die Tiergesundheit, das Wohlbefinden und die Reproduktionsleistung von Milchkühen zu stärken – zentrale Faktoren für eine nachhaltige Milchproduktion.
Untersucht werden die Zusammenhänge zwischen Management, Fütterung, Haltung und Kreislaufwirtschaft, Hitzestress sowie deren Einfluss auf Gesundheit und Fruchtbarkeit. Moderne Sensor- und Precision Livestock Farming (PLF)-Technologien werden eingesetzt, um Tierwohl objektiv zu bewerten, Hitzestress frühzeitig zu erkennen und gezielte Gegenmaßnahmen zu entwickeln.
Darüber hinaus werden neue digitale Werkzeuge entwickelt, die Landwirt:innen bei der Optimierung des Reproduktionsmanagements, die Tiergesundheit und das Wohlbefinden ihrer Tiere durch Früherkennung von Hitzestress unterstützen. Die Ergebnisse liefern praxisnahe Lösungen für ein resilientes, nachhaltiges und tiergerechtes Milchviehmanagement.
Eine effiziente Fütterung ist entscheidend für die Wirtschaftlichkeit, das Tierwohl und die ökologische Nachhaltigkeit in der Milchproduktion. Projekt 5 untersucht, wie optimierte Fütterungsstrategien die Futtereffizienz steigern, Methanemissionen senken und gleichzeitig das Tierwohl verbessern können. Dazu werden Daten aus verschiedenen Quellen – etwa automatisierten Melk- und Fütterungssystemen, Sensoren und MIR-Spektren – genutzt, um neue Methoden zur Vorhersage der Futteraufnahme und Bewertung von Emissionen zu entwickeln. Mithilfe von maschinellem Lernen und Spektralanalysen werden Modelle erstellt, die Methanemissionen präzise abschätzen und das Fütterungsmanagement datenbasiert optimieren.
Darüber hinaus werden Zusammenhänge zwischen Fütterung, Energiehaushalt und Tiergesundheit untersucht, einschließlich des Einflusses von Mykotoxinen im Futter auf die Klauengesundheit. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Entwicklung digitaler Entscheidungshilfen ein, die Landwirt:innen praxisnahe Werkzeuge für eine klima- und ressourcenschonende Milchproduktion bieten.
Das Projekt trägt somit zu einem tieferen Verständnis der Beziehung zwischen Fütterung, Effizienz, Emissionen und Tiergesundheit bei und leistet einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigeren Milchviehhaltung.
Der Klimawandel stellt die Milchviehhaltung vor neue Herausforderungen. Projekt 6 untersucht, wie Kühe gezielt auf mehr Hitzetoleranz und Widerstandsfähigkeit gezüchtet werden können, um negative Auswirkungen von hohen Temperaturen und anderen Stressfaktoren wie Mastitis oder Fruchtbarkeitsproblemen zu reduzieren.
Anhand von Tagesmilchleistungsdaten werden Reaktionsmuster einzelner Tiere auf Hitzestress und andere Belastungen analysiert, um neue Zuchtmerkmale für Resilienz zu identifizieren. Dabei werden auch Daten aus Wetterstationen, Sensoren und Betriebsmanagement einbezogen, um den Einfluss von Klima- und Umweltbedingungen präzise zu erfassen.
Neben der Ermittlung der Erblichkeit und genetischen Zusammenhänge neuer Merkmale mit bestehenden Leistungs- und Gesundheitsparametern sollen die Ergebnisse die Grundlage für betriebsindividuelle Hitzestress-Warnsysteme bilden. Das Projekt trägt damit zur Entwicklung robusterer, klimaangepasster Kühe und zu einer nachhaltigeren Milchviehzucht in Österreich bei.
Gesunde Kälber sind die Grundlage für eine nachhaltige Milchviehhaltung. Projekt 7 widmet sich der Erforschung der Ursachen von Kälberverlusten, und bearbeitet verschiedene Ansatzpunkte zur Verbesserung der Kälbergesundheit nämlich Genetik, Management, sowie der Rolle von Impfstrategien zur Verbesserung der Gesundheit und zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes.
Das Projekt analysiert Ursachen und Risikofaktoren für Kälbersterblichkeit, einschließlich Totgeburten und Verluste in den ersten Lebenswochen. Durch die Kombination von pathologischen Befunden, genetischen Daten und Managementinformationen sollen gezielte Empfehlungen zur Verbesserung von Tiergesundheit und Überlebensraten entwickelt werden.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Integration neuer genetischer Merkmale wie Abgangsursachen, Gesundheit, Saugschwäche und gegenseitiges Besaugen in die Zuchtwertschätzungen, um langfristig robustere und gesündere Jungtiere zu fördern.
Zudem werden Impfstrategien hinsichtlich ihrer Wirksamkeit untersucht – insbesondere, wie frühzeitige und gezielte Impfungen Atemwegserkrankungen verringern und das Wachstum verbessern können.
Die Ergebnisse liefern praxisnahe Empfehlungen, Leitlinien und Werkzeuge für Landwirt:innen, Tierärzt:innen und Beratungsdienste, um Überleben, Gesundheit und Wohlbefinden von Kälbern und Jungtieren zu verbessern.
Alpine Milchviehwirtschaft verbindet einzigartige ökologische Bedingungen mit traditioneller Bewirtschaftung. Projekt 8 untersucht, wie Pflanzenvielfalt, Treibhausgasemissionen und Tierwohl in alpinen Systemen miteinander verknüpft sind. Ziel ist es, diese Zusammenhänge besser zu verstehen und Wege zu einer nachhaltigeren Bewirtschaftung aufzuzeigen.
Das Projekt analysiert Bewegungs- und Fressverhalten, Nährstoffeinträge sowie betriebliche und klimatische Rahmenbedingungen auf Almbetrieben mit unterschiedlicher Pflanzenvielfalt. Zudem wird untersucht, wie saisonale Almwirtschaft und Höhenwechsel die Gesundheit und Stoffwechseleffizienz von Milchkühen beeinflussen. In einem umfassenden Life-Cycle-Assessment werden auch Ammoniak- und Lachgasemissionen auf Basis der Harnzusammensetzung berücksichtigt.
Erwartet wird, dass die Intensität der Bewirtschaftung, die Treibhausgasemissionen und die Pflanzenvielfalt eng miteinander korrelieren. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Fütterungs- und Managementstrategien zu entwickeln, die sowohl die Tiergesundheit verbessern als auch die Biodiversität und Klimabilanz alpiner Milchwirtschaftssysteme stärken.
Projektpartner
Ein transdisziplinäres Konsortium aus führenden Wissenschaftler:innen und wichtigen Interessensgruppen von 48 Organisationen entlang der Wertschöpfungsketten Rindfleisch und Milch arbeiten zusammen, um die Ziele von ENSURE zu erreichen.
ENSURE wird unterstützt von
Kontakt
ENSURE Gesamtprojektleiterin: Dr. Christa Egger-Danner
ZuchtData EDV-Dienstleistungen GmbH
Dresdner Straße 89/B1/18
1200 Wien
ensure@zuchtdata.at