RINDERZUCHT AUSTRIA Seminar zum Thema "Mit Daten zur gesunden Kuh: Tradition und Innovation in Zucht, Beratung und Praxis.“
Vor genau dreißig Jahren wurde über den genetischen Ausschuss der damaligen Zentralen Arbeitsgemeinschaft österreichischer Rinderzüchter das ZAR-Seminar abgehalten. Seit 1996 werden in diesem Rahmen jährlich aktuelle Entwicklungen rund um die Rinderzucht mit Expert:innen diskutiert. RINDERZUCHT AUSTRIA-Obmann Thomas Schweigl konnte über 100 Expert:innen, unter anderem aus Deutschland, Italien und Tschechien begrüßen. „Mit Weitblick wurde vor über dreißig Jahren bereits die Tiergesundheit in der Zuchtwertschätzung berücksichtigt, mit der Aufnahme der Nutzungsdauer in die Zuchtwertschätzung. Vor genau 20 Jahren wurden über das Projekt ‚Gesundheitsmonitoring Rind‘ gestartet, um Gesundheitsdaten über Diagnosen von Tierärzt:innen österreichweit zu erfassen. Durch den Weitblick von Mitarbeiter:innen, Funktionär:innen und Wissenschaftler:innen wurde bereits damals das Fundament für die notwendige und vor allem flächendeckende Datenerfassung geschaffen. Dank gilt den Züchter:innen, den Tierärzt:innen, den Mitarbeiter:innen der Verbände, den Klaufenpfleger:innen, den Forschungspartnern der BOKU und der VetMed, allen Projektpartnern sowie den Ministerien für die ergebnisorientierte Zusammenarbeit in den zahlreichen Forschungsprojekten der RINDERZUCHT AUSTRIA. Vor allem die Zusammenarbeit mit den zahlreichen Wirtschaftspartnern ist eine wichtige Basis für das Zustandekommen dieser Projekte sowie deren Umsetzung in die Praxis“, so Schweigl.
20 Jahre Gesundheitsmonitoring Rind (GMON)
Dr. Christa Egger-Danner, Moderatorin des diesjährigen Seminars und Leiterin des Teams Forschung in der RINDERZUCHT AUSTRIA/ZuchtData, war bereits als damalige Projektleiterin des „Gesundheitsmonitoring Rind“ damit befasst. Im Jahr 2006, vor 20 Jahren, wurde GMON dann gestartet. Dieses Jubiläum war auch der Anlass, warum das diesjährige Thema „Mit Daten zur gesunden Kuh: Tradition und Innovation in Zucht, Beratung und Praxis“ gewählt wurde. Seit Projektstart werden wertvolle Diagnosedaten von Tierärzt:innen bzw. Beobachtungen von Landwirt:innen erhoben, die die Grundlage für die Zuchtwertschätzung auf Gesundheit darstellen. Bereits nach vier Jahren, im Jahr 2010, konnte das Projekt erfolgreich in die Routine überführt werden, die ersten Gesundheitszuchtwerte waren verfügbar. Drei Jahre später folgte die Integration der Gesundheitszuchtwerte in den Gesamtzuchtwert. Mit der Einführung der Genomischen Zuchtwertschätzung konnte die genetische Verbesserung der Tiergesundheit beschleunigt werden. Ein wesentlicher weiterer Erfolgsfaktor für eine nachhaltige Datenerfassung liegt in der elektronischen Übermittlung von bestehenden Anwendungen mit der Errichtung von diversen Schnittstellen. 20 Jahre später sind diese Daten für die Verbesserung der Tiergesundheit nicht mehr wegzudenken. Die Weiterentwicklung der Digitalisierung in der Rinderwirtschaft ermöglicht eine Vielzahl an weiteren Daten für die Tiergesundheit. Alleine die Entwicklung der Melkroboter zeigt, wie rasant sowohl die Automatisierung bzw. auch die Digitalisierung in der Rinder- und Milchproduktion voranschreitet. Aktuell sind in Österreich 2.200 Systeme im Einsatz, damit wird bereits ein Viertel aller Kontrollkühe automatisch gemolken. Wieviel Potential in der Vielzahl an neuen Daten für die Verwendung in der Rinderzucht in Bezug auf Tiergesundheit liegt, war bereits und ist unter anderem Teil aktueller Forschungsprojekte (D4Dairy, breed4green, ENSURE).
Digitalisierung, Datenaustausch und Herausforderungen
Direkte Informationen sind sehr wichtig für die Zuchtwertschätzung auf Gesundheitsmerkmale, dies sei sozusagen der „Goldstandard“ als Basis für die ZWS. Datenaustausch und Datensicherheit sind die zentralen Bausteine sowie die Nutzung neuer Technologien in der Rinderwirtschaft. Und genau hier liegt auch eine der großen Herausforderungen von technischer Seite: „Die unterschiedlichen Hersteller an einen Tisch zu kriegen, um den Datenaustausch und vor allem die Datenverwendung zu erleichtern bzw. auch zu harmonisieren. Genau dafür wurde die internationale Datenaustauschplattform ‚IDDEN‘ gegründet“, so Dr. Michael Iwersen von der LMU München. „Mit der heutigen Technik können die Herden rund um die Uhr überwacht werden“, so Dr. Josef Miesenberger (GF FIH), und sieht hier „eine große Chance für die Verbesserung der Tiergesundheit. Aber die Zucht auf diese braucht sehr viel Zeit. Die Einführung des Gesamtzuchtwertes im Jahre 1998 mit der Berücksichtigung von Fitnessmerkmalen war damals sicherlich eine kleine Revolution. Die Zusammensetzung der Merkmalsgruppen Milch, Fleisch und Fitness im Verhältnis von 37: 18 : 45 im Jahr 1998 hat sich im Vergleich zur Gewichtung im Jahr 2026 im Verhältnis 38 : 18 : 44 nur marginal verändert und hat sich dadurch bis heute als sehr stabil erwiesen. Der Gesamtzuchtwert (GZW) musste sich neben dem Milchwert (MW) und Fleischwert (FW) in den Köpfen bei den Selektionsentscheidungen erst einmal durchsetzen“, so Miesenberger.
Zuchtziele im Wandel und langfristige Entwicklung
„Im Laufe der Jahre haben sich auch die Prioritäten in der Rinderzucht geändert. Mit der Einführung des Gesamtzuchtwertes im Jahre 1998 unter der Berücksichtigung von Fitness- und Gesundheitsmerkmalen kam auch massive Kritik aus den eigenen Reihen, dass diese Einführung sich massiv auf die Steigerung der Milchleistung auswirken würde. Die Zucht auf Milchleistung ist mit einer Erblichkeit von ca. 30 Prozent noch relativ einfach, schwieriger wird es bei Vererbung von Fitness- und Gesundheitsmerkmalen, hier liegt die Erblichkeit nur zwischen einen und 15 %. Allerdings gilt auch, je höher die Anzahl an verwendbaren Daten, umso besser können niedrige Heritabilitäten dadurch ausgeglichen werden“, so Dr. Christian Fürst (ZuchtData). Das war auch die Grundaussage einiger Expert:innen, dass die qualitativ hochwertige und vor allem flächendeckende Erfassung von Gesundheitsdaten der Grundstein für eine nachhaltige Weiterentwicklung der Tiergesundheit in der heimischen Rinderzucht darstellt. Die Entwicklung der genetischen Trends zeigt eine eindeutige positive Entwicklung des Fitnesskomplexes in den letzten Jahren.
Weiters wurden im Seminar Praxisbeispiele aufgezeigt, wo Strategien und Erfahrungen zur Prävention und zur Verbesserung der Tiergesundheit präsentiert wurden bzw. woran aktuell in der Zucht im Bereich Tiergesundheit gearbeitet wird. Alles zu finden in der Seminarunterlage zum Nachlesen auf RINDERZUCHT AUSTRIA - Seminarunterlagen.
Ein Dankeschön ergeht an die Referent:innen des diesjährigen RINDERZUCHT AUSTRIA-Seminares für die Aufbereitung und Präsentation dieser fachlichen Beiträge:
Dr. Christa Egger-Danner (ZuchtData), Univ.-Prof. Dr. Clair Firth (Vetmeduni Wien), Dr. Christian Fürst (ZuchtData), PD Dr. Birgit Fürst-Waltl (BOKU), Katharina Hoffelner (Arbeitsgemeinschaft österreichischer Klauenpfleger), Prof. Dr. Michael Iwersen (LMU München), Dr. Josef Miesenberger (FIH), Dr. Walter Obritzhauser (Tierarzt), Sebastian Ortner (LK Tirol), Univ.-Prof. DDr. Melanie Schären-Bannert (Vetmeduni Wien), Dr. Michael Schmaußer (Tierarzt, Bayern), Dr. Simone Steiner (Tiergesundheit Österreich), Andreas Steinegger jun. (Landwirt), Dr. Barbara Wolfger (Tierarztpraxis).